Page 30 - Demo
P. 30


                                    Von Rotterdam nachBocholt | Warum es gut seinkann, die Propheten imeigenen Land zu suchen Aus unseren Vorgespr%u00e4chen mit Flo wei%u00df ich: Es gibt in der Immobilienbranche einen ungeschriebenen Reflex: Sobald die Bausumme an der 50-Millionen-Euro-Marke kratzt %u2026 das Objekt an den Wolken schnuppert, richtet sich der Blick automatisch nach au%u00dfen. Man sucht die gro%u00dfen Namen in den Metropolen, die Star-Architekten aus Berlin, Hamburg oder eben Rotterdam, um dem Projekt den internationalen Glanz zu verleihen. Auch Flo Schillings erlag zun%u00e4chst diesem Reflex. ATEA 1.0 lag fix und fertig auf dem Tisch %u2013 gezeichnet von einem renommierten niederl%u00e4ndischen B%u00fcro. Optisch ein Aufschlag, der sich sehen lassen konnte. Doch auf dem Bau gewinnt man keine Schlachten nur mit sch%u00f6nen Renderings, wenn die Chemie im Maschinenraum nicht stimmt. Ihr hattet f%u00fcr den ersten Aufschlag absolute Schwergewichte im Boot. Das international t%u00e4tige und renommierte B%u00fcro Barcode Architects aus Rotterdam. Klingt nach Champions League. Warum hast du diese extrem prominente Rei%u00dfleine gezogen?Florian Schillings: Weil die geografische und strukturelle Distanz in der Praxis f%u00fcr mich eine zu gro%u00dfe H%u00fcrde war. Architektonisch waren die Entw%u00fcrfe top. Aber wenn du ein Projekt hier in Bocholt mit unserem Tempo entwickeln willst, brauchst du schnelle Entscheidungen. Das Set-up mit der niederl%u00e4ndischen Architektin Caro war hochprofessionell, aber eben auch sehr hierarchisch organisiert. Spontane Abstimmungen waren da kaum m%u00f6glich, alles brauchte lange Vorl%u00e4ufe f%u00fcr feste Termine. Da habe ich gemerkt: Das passt nicht zu meiner Philosophie. Ich brauche kurze Wege und Projektentwicklung auf absoluter Augenh%u00f6he.Ein ehrliches, fast schon schonungsloses Fazit. Flo Schillings ist ein Macher, der es gewohnt ist, Dinge auf dem kurzen Dienstweg zu kl%u00e4ren. Er sucht tats%u00e4chliche N%u00e4he im Projekt, kein elit%u00e4res Termin-Tetris. Mit dem Haken an Rotterdam traf er eine Entscheidung, die f%u00fcr den Standort Bocholt r%u00fcckblickend ein echter Gl%u00fccksfall war.Der harte Cut: Von der unnahbaren Star-Architektur zur vision%u00e4ren Prophetin im eigenen Land. Wie bist du auf Isil zugegangen? Florian Schillings: Ganz unkompliziert. Ich bin zu ihr gefahren, habe mich mit ihr an den Tisch gesetzt und gefragt: Hast du Bock auf dieses Projekt? Hast du Lust, deinen Gedanken mal v%u00f6llig freien Lauf zu lassen? Mir war klar: Ich brauche keine Hierarchien und keine drei Monate Wartezeit f%u00fcr ein Meeting. Wenn mir nachmittags um halb f%u00fcnf eine Idee durch den Kopf schie%u00dft, schreibe ich Isil kurz eine WhatsApp oder rufe sie an. Eine solche Zusammenarbeit auf dem kurzen Dienstweg hast du bei den gro%u00dfen internationalen B%u00fcros einfach nicht.Isil Schaeffler, die Frontfrau von STUDIO S Architekten, sitzt w%u00e4hrend dieser Schilderung ruhig am Tisch. Sie l%u00e4chelt, als Flo diese Situation schildert. Es war genau der Moment, in dem aus einer namenlosen Hochhaus-Idee ihr Projekt, ihr Meisterst%u00fcck wurde. Ein Ritterschlag f%u00fcr ein junges, 25-k%u00f6pfiges Bocholter Architekturb%u00fcro. Isil, Hand aufs Herz: Als Flo die Rei%u00dfleine bei den internationalen Namen zog, bei dir im B%u00fcro aufschlug und dir quasi die architektonische Vision f%u00fcr die Toreinfahrt Bocholts anvertraute %u2013 was ging in diesem Moment in dir vor?Isil Schaeffler: Ich wusste im Vorfeld schon grob von dem Projekt und hatte damals zu meinem Mitarbeiter Sebastian Euting gesagt: %u201eIch wei%u00df nicht warum, aber ich habe das Gef%u00fchl, das wird unser Projekt.%u201c Als Flo dann tats%u00e4chlich da war, war ich im ersten Moment irritiert. Ich habe ihn ganz direkt gefragt: Flo, wieso bist du damit bei uns? Brauchst du noch ein Vergleichsangebot? Soll ich mit spitzem Bleistift rechnen? Worum geht es dir? 
                                
   24   25   26   27   28   29   30   31   32   33   34