Page 193 - Demo
P. 193
Portrait 191 Isel ansteht. Wir beabsichtigen, die echte B-Seite dieses Mannes kennenzulernen, der gerade so unaufgeregt von seinem rasanten Aufstieg erz%u00e4hlt hat. Was sind die %u201euntold-Stories%u201c %u2026 wie es der legend%u00e4re Fotograf Peter Lindbergh bezeichnet hat?Samtmalerei, Spaghetti Bolognese & Beaujolais |%u00a0die B-Seite von Heinz Renzel %u2013 mit viel Musik drinKomm, wir wechseln mal ins Sch%u00f6ne. Was ist dein ultimatives Lieblingsgericht?Was ich gerne esse, ist Lammcarr%u00e9. Aber die sch%u00f6nste Geschichte, die ich hinter mir habe, war Spaghetti Bolognese mit einem Beaujolais im Glas in Paris.Wie passend, wir kommen gerade aus Paris zur%u00fcck. Die Stadt hat es uns echt angetan. Erz%u00e4hl gerne, wenn du magst. Wie kam es zu den Spaghetti in Paris?Das begann eigentlich in der Schweiz und in S%u00fcdfrankreich. Ich hatte in Genf einen Mann kennengelernt, Per Olov Jansson. Der hatte Samtbilder gestaltet, die er verkaufen wollte. Da ich Dekorateur war und ein bisschen Geld hatte, bin ich mit ihm nach Nizza heruntergefahren, um unten am Strand diese Bilder zu verkaufen. Und dann habe ich dort angefangen, selbst auf der Stra%u00dfe zu malen.Du warst Stra%u00dfenmaler?Ja ich war Stra%u00dfenmaler und ich habe auf Samt gemalt %u2013 Peinture sur velours de France nannte sich das.F%u00fcr mich als Kunst-Unbeflissenen: Wie genau darf man sich so ein Samtbild vorstellen? Dabei nimmt man einen weichen, oft dunklen Velours-Stoff als Leinwand. Die Farben leuchten darauf durch den Kontrast ganz besonders intensiv und bekommen eine weiche Tiefe. Wir haben dann einfach mit Getreide dar%u00fcbergewischt statt mit dem Pinsel, um blitzschnell Schw%u00e4ne und Palmen zu malen. Da kam ein Passepartout drum, und die haben wir vielfach verkauft. Irgendwann bin ich dann weiter nach Paris.Man muss sich dieses Bild f%u00fcr einen Augenblick auf der Zunge zergehen lassen. Wir sitzen im Chefb%u00fcro eines global agierenden Unternehmens, umgeben von technologischen Prototypen, und der Gr%u00fcnder erz%u00e4hlt uns mit einem leuchtenden Funkeln in den Augen, wie er als junger Bohemien in S%u00fcdfrankreich und im Pariser K%u00fcnstlerviertel Saint-Germain-des-Pr%u00e9s auf dem Asphalt sa%u00df, um mit Getreide auf Samt zu malen. Das ist das genaue Gegenteil eines geradlinigen, durchgeplanten Business-Lebenslaufs.Und in Paris gab es dann die besagten Spaghetti Bolognese?Ja, auch dort habe ich auf der Stra%u00dfe gemalt. Aber die Bilder waren manchmal schwer zu verkaufen. Damit wir %u00fcberhaupt einen Platz hatten und nicht weggeschickt wurden, haben wir uns immer eine Tasse Kaffee bestellt. Die konnte man dann gerade noch so von dem wenigen Geld bezahlen. Und wenn es gut lief, gab es eben diese herrlichen Spaghetti Bolognese mit einem Beaujolais. Das war ein Fest.Wenn wir schon beim Essen sind: Wie ist dein Geschick im Umgang mit T%u00f6pfen und Pfannen? Was machst du dir, wenn du selbst am Herd stehst?Suppe.Gerne genauer%u2026 Eine Erbsensuppe.Da schlie%u00dft sich der Kreis zu den harten Anfangsjahren der Selbstst%u00e4ndigkeit. Egal ob in den W%u00e4ldern Finnlands, auf den Bauernh%u00f6fen in Spork oder heute in der heimischen K%u00fcche %u2013 eine ehrliche Suppe erdet und macht satt. Kein Chichi, keine All%u00fcren.Hast du f%u00fcr uns den ultimativen Restauranttipp in der Region? Wo gehst du gerne hin?Hier bei uns zum Griechen, zum Mythos.Verlassen wir die Kulinarik und kommen zum Geistigen. Bei mir ist es so, dass es B%u00fccher gibt, die das Leben zwar nicht komplett umkrempeln, die einen aber pr%u00e4gen und in eine etwas andere Richtung bringen. Gibt es ein solches Buch bei dir?Ja, 1984. Von George Orwell. Das hat mich stark gepr%u00e4gt. S%u00e4tze wie %u201eKrieg bedeutet Frieden%u201c, das hallt nach.Gibt es ein Lebensmotto oder ein Zitat, das dich tr%u00e4gt und das du gerne teilen w%u00fcrdest?Ja, ein Zitat habe ich. Das ist von Goethe: %u201aErkenne, was die Welt im Innersten zusammenh%u00e4lt.%u2018Wie lebst du das im Alltag?Wenn die neuen Lehrlinge zu mir kommen, dann sage ich denen immer: Bleibt neugierig! Lasst euch nicht einfach sagen: Das ist ein Stuhl. K%u00fcmmert euch darum, wie der Stuhl gemacht wird. Hinterfragt die Dinge. Lasst euch nicht alles einfach aufoktroyieren, sondern erkennt, was die Welt im Innersten zusammenh%u00e4lt.Einerseits Orwells d%u00fcsterer Zukunftsroman, andererseits Goethes tiefes Bed%u00fcrfnis, die Welt bis ins Letzte zu verstehen. Eine spannende Bandbreite der Gedanken. Doch genau das erkl%u00e4rt so vieles in diesem Raum. Es zeigt, warum Heinz Renzel sich auch mit 84 Jahren nicht einfach zur%u00fccklehnt. Ihn treibt offensichtlich nicht das Geld an, sondern der pure Drang, die Dinge

