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Portrait I 197Brigitte, du vereinst mehrere Ausbildungen und Rollen. Was verbindet all das f%u00fcr dich?F%u00fcr mich geht es immer um dasselbe. Menschen in einem %u00dcbergang zu begleiten. Ob das ein Abschied ist, eine Krise,ein innerer Umbruch oder einfach die Sehnsucht nach Klarheit. Ich m%u00f6chte R%u00e4ume %u00f6ffnen, in denen etwas wieder in Bewegung kommen darf. Meine Ausbildungen sind kein Sammelsurium, sondern Werkzeuge. Und je nachdem, was ein Mensch gerade braucht, greife ich zu dem, was ihn wirklich weiterbringt. Ich habe beispielsweise eine Kiste und eigentlich auch einen ganzen Werkzeugschrank. In meiner Kiste liegen zum Beispiel Blumen, ein Fernglas oder eine Brille. Ich gebe Menschen diese Gegenst%u00e4nde ganz bewusst in die Hand. Nicht als Spielerei, sondern als Verst%u00e4rkung. Wenn jemand ein Fernglas benutzt, ver%u00e4ndert sich der Blick. Mit einer Brille wird etwas sch%u00e4rfer. Eine Blume kann f%u00fcr etwas Zartes stehen, f%u00fcr Wachstum oder Verg%u00e4nglichkeit. Diese kleinen Accessoires helfen, sich intensiver mit einem Thema zu besch%u00e4ftigen. Und wenn sie ihre Wirkung getan haben, darf man sie mir wieder zur%u00fcckgeben.Ich arbeite viel mit kleinen Geschichten oder kurzen Meditationsreisen. Manchmal muss etwas gar nicht gro%u00df sein, damit es verstanden wird. Im Gegenteil. Kennst du die Geschichte mit dem Loch? Am ersten Tag ist da ein riesiges Loch auf dem Weg, man f%u00e4llt hinein und versteht gar nicht, wie das passieren konnte. Am zweiten Tag sieht man es schon, stolpert aber trotzdem noch hinein. Und am dritten oder vierten Tag erkennt man es rechtzeitig und l%u00e4uft drum herum. Genau so funktioniert Entwicklung. Es braucht Wiederholung, Bewusstsein und manchmal einfach Zeit.Und dann gibt es da noch meine Matruschka. Sie steht hier in meinem Raum, original aus Russland, und sie ist nicht rot, sondern gr%u00fcn. Dieses Gr%u00fcn wirkt beruhigend. Wenn ich sie %u00f6ffne und eine Puppe nach der anderen herausnehme, wird sichtbar, was sich im Laufe eines Lebens alles um unseren Kern gelegt hat. Ganz innen sitzt oft das innere Kind. Und drum herum haben sich Schichten gebildet. Erfahrungen, Schutzmechanismen, Rollen. Diese Bilder helfen, Dinge nicht nur zu verstehen, sondern zu f%u00fchlen. Und genau darum geht es mir.Du h%u00e4ltst Trauerreden. Was bedeutet Abschied f%u00fcr dich?Eine Trauerrede ist f%u00fcr mich kein formaler Programmpunkt innerhalb einer Zeremonie. Sie ist eine W%u00fcrdigung. Ich schaue auf das Leben eines Menschen mit allem, was dazugeh%u00f6rt. St%u00e4rken, Eigenheiten, Ecken, Hoffnungen. Es geht nicht darum, etwas glatt zu ziehen oder nur das Sch%u00f6ne herauszustellen, sondern wahrhaftig zu erz%u00e4hlen. WennHinterbliebene am Ende sagen: %u201eJa, genau so war er%u201c oder %u201eSo habe ich sie noch einmal ganz neu gesehen%u201c , dann entsteht etwas Heilsames.Abschied ist nat%u00fcrlich schmerzhaft. Und dennoch, auch wenn es noch so traurig ist, es ist immer auch ein Neubeginn. Nicht im Sinne von %u201eweiter wie vorher%u201c, sondern im Sinne von, das Leben ver%u00e4ndert sich. Wir ver%u00e4ndern uns. Und wir lernen, mit der Erinnerung zu leben.Mir ist wichtig, dass bei einer Trauerrede auch geschmunzeltwerden darf. W%u00e4rme entsteht genau dadurch. Fr%u00fcher hat man gesagt: %u201eWir haben das Fell versuppt.%u201c Man sa%u00df zusammen, hat erz%u00e4hlt, gelacht, geweint, Geschichten geteilt. Und in diesem Erz%u00e4hlen liegt unglaublich viel Heilung. Wenn wir %u00fcber den Verstorbenen sprechen, ehrlich, liebevoll, manchmal auch mit einem Augenzwinkern %u2026 das hilft.Nat%u00fcrlich macht es einen Unterschied, wie alt ein Mensch war oder unter welchen Umst%u00e4nden er gestorben ist. Wenn ein sehr junger Mensch geht oder wenn ein Suizid im Raum steht, ist die Trauer eine andere, oft vielschichtiger, sprachloser. Dann braucht es noch mehr Sensibilit%u00e4t, noch mehr Raum. Aber auch dann geht es darum, den Menschen in einer guten Erinnerung zu halten. Nicht, um das Schwere auszublenden, sondern um das Leben nicht aus dem Blick zu verlieren.Ich w%u00fcnsche mir, dass am Ende einer Trauerrede nicht nur Schmerz im Raum steht, sondern auch Dankbarkeit. Dankbarkeit daf%u00fcr, dass man diesen Menschen hatte.

