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198 I PortraitDass man Zeit teilen durfte. Dass es gemeinsame Momente gab. Wenn dieses Gef%u00fchl entstehen darf, dann hat die Rede ihren Sinn erf%u00fcllt.Du bietest auch Trauerarbeit zu einem sp%u00e4teren Zeitpunkt an. Warum ist das wichtig?Weil nicht alles sofort sagbar ist. Manchmal ist der erste Abschied noch zu nah, zu roh, zu %u00fcberw%u00e4ltigend. In den ersten Tagen steht oft die Organisation im Vordergrund, das Funktionieren, das Durchhalten. Und erst Wochen oder Monate sp%u00e4ter entsteht der Raum, wirklich zu f%u00fchlen oder Fragen zu stellen, die vorher keinen Platz hatten.Ich erlebe auch, dass Menschen nicht nur um den Verstorbenen trauern, sondern auch um das, was nicht war. Um Worte, die nie gefallen sind. Um N%u00e4he, die gefehlt hat. Gerade wenn wir an die Nachkriegsgeneration denken, unsere Gro%u00dfeltern etwa, wird das sehr deutlich. Viele von ihnen konnten nicht geben, was sie vielleicht gerne gegeben h%u00e4tten. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil ihre eigenen Sorgen, ihre eigenen Erlebnisse so gro%u00df waren, dass kaum Raum blieb f%u00fcr emotionale Feinf%u00fchligkeit oder entwicklungspsychologisches Verst%u00e4ndnis. Das Leben war gepr%u00e4gt von Mangel, von Wiederaufbau, von %u00dcberleben.Als Hinterbliebene d%u00fcrfen wir das verstehen lernen. Nicht entschuldigen im Sinne von %u201ees war alles gut%u201c, sondern begreifen, dass die Zeit eine andere war. Dass die M%u00f6glichkeiten andere waren. In einer Trauerarbeit kann genau dieser Blick entstehen. Ein reiferes Verstehen, ein Einordnen, ein sanftes Sortieren. Ich sage dann oft, man darf damit heil werden. Es geht darum, den inneren Knoten zu l%u00f6sen, nicht den anderen nachtr%u00e4glich zu ver%u00e4ndern.Wenn wir anfangen, Zusammenh%u00e4nge zu erkennen, wird aus Vorwurf manchmal Mitgef%u00fchl. Und aus Mitgef%u00fchl kann Frieden entstehen. Trauerarbeit schafft daf%u00fcr einen bewussten Rahmen. Sie erlaubt es, Erinnerung noch einmal anders zu betrachten und das vielleicht vers%u00f6hnlicher, vielleicht klarer. Und wenn am Ende nicht nur Traurigkeit bleibt, sondern auch ein stilles Einverst%u00e4ndnis mit dem Gewesenen, dann ist etwas Wichtiges passiert.Neben dieser sehr ber%u00fchrenden Arbeit stehst du auch auf einer ganz anderen B%u00fchne. Als Geschichtenerz%u00e4hlerin. Wie kam es dazu? Und was macht eine gute Geschichte f%u00fcr dich aus?Geschichten waren f%u00fcr mich schon immer mehr als Unterhaltung. Sie %u00f6ffnen Perspektiven. Sie erlauben uns, Dinge indirekt zu betrachten und genau dadurch oft klarer zu sehen. Wenn ich erz%u00e4hle, darf es opulent sein, kaprizi%u00f6s, verschlungen, tiefsinnig oder auch einmal grotesk. Aber niemals allt%u00e4glich, verletzten oder unter der G%u00fcrtellinie. Ich erz%u00e4hle an den unterschiedlichsten Orten und zu den verschiedensten Anl%u00e4ssen.Im Weinhaus bei Petra mache ich das nun schon seit elf Jahren. Ein Ort, der f%u00fcr mich fast so etwas wie eine zweite B%u00fchne geworden ist. Dort erz%u00e4hle ich gerne Geschichten mit einem verschmitzten Blick auf die Welt. Und es passiert etwas ganz Besonderes, die Menschen beginnen, sich selbst in diesen Geschichten zu entdecken. Zwischen einem Glas Wein und einem guten Satz entsteht pl%u00f6tzlich ein leiser

