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Freitag | 11. Juli 2025 | 14:33 Uhr46395 Bocholt | an einem kleinen Teich mit ein paar Koi-Karpfen hockendW%u00e4hrend die Ladies sich zum Kaffee im Wohnzimmer niederlassen, gehe ich in Bodenlage, um unserer sichtlich entz%u00fcckten Fellnase Paula bei ihrem Koi-TV-Ritual zuzuschauen. Es hat den Anschein, als wenn sie sich in diese Farbkarpfen verliebt hat %u2013 verbunden mit der F%u00e4higkeit, sie schon an der Haust%u00fcr zu erschnuppern.Nach einer kurzen Begr%u00fc%u00dfung von %u201eMilla%u201c, einer 12-j%u00e4hrigen Labrador-Dame nebst deren Fr%u00e4uchen Gisela, eilte Paula zu dem kleinen Teich im Atrium, um dort dem Treiben der Kois zuzuschauen. Etwas, was sie regelm%u00e4%u00dfig tut und liebt, wenn wir unsere Freunde Katja und Stefan besuchen. Dort haben wir schon Szenen eingefangen, wie Fisch und Hund miteinander zu schmusen scheinen.Zeit f%u00fcr mich, zu den Damen zu sto%u00dfen und Teile des Gespr%u00e4chs f%u00fcr unsere Kolumne einzufangen. W%u00e4hrend Gisela mir einen Kaffee eingie%u00dft, falle ich mit der ersten Frage ins Haus: Liebe Gisela, auch wenn wir wissen, dass du um deine Person kein gro%u00dfes Brimborium machen m%u00f6chtest %u2026 als Unternehmerin und %u00f6ffentliche Person des Stadtgespr%u00e4chs wird wenigen entgangen sein, dass du unl%u00e4ngst einen runden Geburtstag feiern durftest %u2013 wie war das f%u00fcr dich?Ehrlich gesagt, das war kein einfacher Tag f%u00fcr mich. Ich wei%u00df, f%u00fcr viele klingt das wie ein Grund zu feiern %u2013 und das war es ja auch. Aber f%u00fcr mich war dieser Geburtstag auch ein Moment der Nachdenklichkeit. Ich bin mit dem Herzen noch voll im Unternehmen, mein Kopf ist klar, ich will noch gestalten. Ich habe mir den Titel des Buches %u201e%u00c4lter werden ist nichts f%u00fcr Feiglinge%u201c f%u00fcr meine Geburtstagseinladung %u201eausgeliehen%u201c %u2013 und ehrlich gesagt: Es hat mich bewegt. Weil es stimmt.Nimm uns gerne mit auf deine Zeitreise %u2013 insbesondere als %u201eFrau in F%u00fchrung.%u201cIch hatte schon fr%u00fch Verantwortung in einer Anwaltskanzlei %u00fcbertragen bekommen. Nach dem Unfalltod meines damaligen Chefs wechselte ich zum Amtsgericht, um auf Wunsch meines Schwiegervaters dort Erfahrungen zu sammeln, die im Unternehmen PIERON von Nutzen gewesen w%u00e4ren. Ich war f%u00fcnfunddrei%u00dfig, als mein Mann J%u00f6rg, Gesch%u00e4ftsf%u00fchrer und Enkel des Gr%u00fcnders Hugo Pieron, nach schwerer Krankheit viel zu jung verstarb. Meine Schwiegermutter hat damals gesagt: %u201eGisela, du musst das %u00fcbernehmen und f%u00fcr die Familie erhalten.%u201c Es war keine Bitte %u2013 es war ein klarer Appell. Ich hab%u2019s gemacht. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Pflichtgef%u00fchl. Ich wollte, dass das Unternehmen fortbesteht %u2013 dass die Menschen ihre Arbeit behalten %u2013 dass unsere Kinder eine Zukunft haben. Es war hart. Sieben Jahre lang musste ich mit einem patriarchalen Gesch%u00e4ftsf%u00fchrer zusammenarbeiten, der Frauen in F%u00fchrung schlicht ablehnte.Wie hast du das damals durchgestanden %u2026 der Verlust deines Mannes, als Mutter dreier Kinder %u2026 unter diesen widrigen Bedingungen?Es war mein Wille, nicht aufzugeben %u2026 und das fortzuf%u00fchren, was unsere Familie uns %u00fcberlassen hat. Die Belegschaft hat hinter mir gestanden. Das hat mich getragen.Was hat sich in dieser Zeit ver%u00e4ndert, nach deinem mutigenSchritt, sich von dem damaligen Gesch%u00e4ftsf%u00fchrer zu trennen?Ich konnte endlich so f%u00fchren, wie ich es f%u00fcr richtig hielt. Ich habe auf Menschlichkeit gesetzt. Zuh%u00f6ren. T%u00fcren offen lassen. Entscheidungen mit den Menschen gemeinsam vorbereiten und umsetzen. Nat%u00fcrlich musste ich am Ende des Tages die Entscheidungen treffen und verantworten. Aber ich wollte, dass die Menschen mitdenken, mitf%u00fchlen, sich gesehen f%u00fchlen. Ich glaube, das haben sie auch gesp%u00fcrt.Was sind f%u00fcr dich die Kernelemente, die ein gutes F%u00fchrungsverhalten ausmachen sollten?Respekt und Vertrauen. Ich habe nie jemanden wie eine Zahl oder ein Zahnrad behandelt. Ich habe versucht, die Menschen in ihrer Lebenssituation zu sehen. Ob das junge M%u00fctter waren, Kolleginnen nach einer Krankheit oder Mitarbeitende in Krisen %u2013 ich wollte, dass sie wissen: Hier, in diesem Familienunternehmen PIERON, darf man auch mal nicht perfekt sein. Das hat %u00fcbrigens nichts mit %u201eweich%u201c zu tun. Das ist Haltung.Ich f%u00fchle mich erinnert an einen Satz von Dr. Franz Netta, den ich vor 15 Jahren zum Thema F%u00fchrung interviewt habe %u2013 mit der Bitte %u2026 F%u00fchrung mal ganz einfach und verst%u00e4ndlich in einem Satz auf den Punkt zu bringen. Der Mensch, der seinerzeit als Vice President Human Resources die Personalund Gesundheitspolitik des Unternehmens Bertelsmann mitpr%u00e4gte, antwortete wie folgt:%u201eBehandele die Menschen stets so,wie du selbst gerne behandelt werden w%u00fcrdest.%u201cDu hast Frauen gezielt gef%u00f6rdert %u2013 in einer Zeit, in der das noch l%u00e4ngst nicht selbstverst%u00e4ndlich war. Wie bist du das damals angegangen?Nach dem Umzug in den Industriepark Bocholt, zum Schlavenhorst, begannen wir mit der Ausbildung von Lehrlingen. Unser erster Lehrling im technischen Bereich, unter meiner Verantwortung, war eine junge Frau. Nach ihrer Elternzeit ist sie heute immer noch in unserem Unternehmen t%u00e4tig. Wir haben Wert daraufgelegt, dass es im technischen Ausbildungsbereich, wenn m%u00f6glich, immer ein ausgewogenes Verh%u00e4ltnis zwischen jungen Frauen und jungen M%u00e4nnern gab. Eine dieser jungen Frauen, vierfache Mutter, ist heute noch unsere Ausbildungsleiterin.Portrait I 57

