Page 66 - PAN_April2020
P. 66

panvital-Serie "Wichtig? Oder eher nicht?"
„NAGELLACK“
VON UTE BOYSEN
66
Mein letzter Beitrag zu dieser Serie befasst sich mit einem „Gegenstand“, der für den Großteil aller Frauen von Bedeutung zu sein scheint. Und das nicht erst seit gestern und auch nicht mehr ausschließlich für das weib- liche Geschlecht. Eine 90-jährige Seniorin erzählt mir von ihrer Leidenschaft zu diesem Kosmetikprodukt.
  Hannelore Varwick, im Jahr 1929 geboren, kann sich gar nicht vorstellen, mit unla- ckierten Nägeln aus dem Haus zu gehen. „Nagellack war und ist mir sehr wichtig! Es war etwa 1945, ich arbeitete bei der Ma-
schinenfabrik Lindemann in Düsseldorf als Lehrling zur Technischen Zeichnerin und wurde auch in der Telefonzentrale ein- gesetzt. Eine Kollegin trug knallroten Na- gellack und passenden Lippenstift dazu!“, beginnt die Seniorin ihre Erinnerungen zu erzählen und fährt fort, dass alle in der Firma entsetzt waren. „Aber ich fand es toll“, schmunzelt sie. Und siehe da – nach und nach trugen mehr Frauen Nagellack. „Es gab nur roten und weißen Lack, er war auch nicht zu teuer und ich kaufte mir also auch einen roten Nagellack. Wenn schon – denn schon, dachte ich mir, die Nägel mussten auffallen!“ Und die Vorgesetzten sagten nichts und nahmen die neue Kos- metikerscheinung kommentarlos hin.
Nach Kriegsende musste Hannelore Var- wick ihre Lehre abbrechen, denn die Fa- brik Lindemann wurde geschlossen. Die Engländer bauten die Maschinen ab und stellten den Betrieb ein. Was nun? Die jun- ge Frau entschied sich, eine andere Aus- bildung zu beginnen und suchte einen Arzt nach dem anderen auf, um eine Lehrstelle zu bekommen. „Ich bin wirklich von Tür zu
Tür gelaufen“, erzählt die Seniorin und dass sie schließlich als Sprechstun- denhilfe eine Ausbildungsstelle bei einem Gynäkologen be- kam. „Dort musste ich Kittel und Haube tragen, es war 1945 und Nagellack war kei- nesfalls erlaubt.“ Zum Glück hatte sie aber diese Stelle be- kommen, denn nur diejenigen erhielten Lebensmittelkarten,
die berufstätig waren.
„Aber wenn ich am Wochenende tanzen ging mit meinen Freundinnen, dann hatte ich immer lackierte Fingernägel“, erzählt die alte Dame weiter. Ohne Nagellack, Lippenstift und Hut sei sie in der Frei- zeit nicht ausgegangen und ihr späterer Ehemann fand das von Anfang an sehr schön. Aber warum, möchte ich wissen und sie sagt kurz und bündig: „Es fühlt sich einfach schöner und weiblicher an! Ja, es ist ein absolutes Wohlfühlen mit Nagellack und Lippenstift.“ Die Seniorin hat ihre Nägel immer in die so genannte „Tropfenform“ gefeilt. (Persönliche An- merkung: Das hat mir auch meine Mutter als junges Mädchen erklärt: Wenn man die Handinnenfläche anschaut und die Hand nach unten dreht, sehen die Nägel aus wie Tropfen.) Die abgeflachte, eckige oder ex- trem spitze Form der Fingernägel habe sie nie getragen. Wichtig sei auch immer nur
Vital























































































   64   65   66   67   68