Page 17 - PAN_April2020
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 Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ih- nen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nen- nen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Tech- nik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:
Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020
Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sit- zen in einem Straßencafe in einer Groß- stadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewe- gen sie sich anders? Ist alles so wie frü- her? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?
Wir werden uns wundern, dass die so- zialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Ge- genteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommuni- zieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbe- dingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeck- te. Paradoxerweise erzeugte die körperli- che Distanz, die der Virus erzwang, gleich- zeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennen- gelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.
Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.
Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fuss- ballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen- Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, wa- rum das so ist.
Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Video- konferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Busi- ness-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv her- aus. Lehrer lernten eine Menge über In- ternet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.
Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötz- lich erwischte man nicht nur den Anruf- beantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefo- nieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizier- te wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr
hin. So entstand eine neue Kultur der Er- reichbarkeit. Der Verbindlichkeit.
Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergän- ge (ein Wort, das vorher eher ein Fremd- wort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.
Reality Shows wirkten plötzlich grotten- peinlich. Der ganze Trivia-Trash, der un- endliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political- Correctness-Streit erinnern? Die unend- lich vielen Kulturkriege um ... ja um was ging da eigentlich?
Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen...
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ers- ten Ausbruch, in Grenzen.
  Lebensart
















































































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